Inhaltsverzeichnis
Im Schutz des Rituals
Beitrag von Julia Behrens im Boesner Kunstportal, 11. September 2023
Cholud Kassem – Von Tarnhelmen und Superkarmas
Rede von Carolin Ellwanger anlässlich der Ausstellungseröffnung im Kunstraum Vincke-Liepmann (2017)
Von Tarnhelmen und Superkarmas, so lautet der neugierig machende, auch rätselhaft klingende Titel der Ausstellung. Ist es der Beginn einer phantastischen Erzählung …, oder der Anfang eines Märchens? Für uns heute Abend ist es der Einstieg in die emblematische Bilderwelt der Cholud Kassem. Die Präsentation hier in den wunderbaren Räumen der Galerie Vincke- Liepmann, vermittelt einen umfassenden Einblick in das Werk der Heidelberger Künstlerin.
Cholud Kassem präsentiert Arbeiten aus sieben Werkgruppen, die in den letzten Jahrzehnten entstanden sind und ergänzt diese um ganz aktuelle, hier erstmals gezeigte Werke. Beim Betreten der Räume nehmen wir Masken, Kopfbedeckungen, Helme, Textilien, Amulette, Fühler und Geweihe wahr. Außergewöhnliche Bildfindungen, die uns als piktogrammhafte Formen auf weißem Grund erscheinen. Daneben die phantasievollen Physiognomien, die uns hier in diesem Raum beobachten; die in Paaren zum Dialog auffordernden Superkarmas:
eine Serie von ca. 20 Arbeiten auf farbigem Grund. Gemalt in Acrylfarbe und Wachsmalkreide auf Hartfaserplatte. Wir blicken auf symmetrisch angelegte Gesichtszüge und in angriffslustige Augenpaare, die offensiv unseren Blick einfordern und doch mehr verbergen als preisgeben. Nicht ohne ein Augenzwinkern modelliert Cholud ihre Formensprache an diesen geheimnisvollen Masken, die in ihrer Offensivität und Farbgestaltung eine Sonderstellung im Werk der Künstlerin einnehmen. Die früheren, zarten Papierarbeiten hinter Glas, die in dem angrenzenden Raum gegenüber gezeigt werden, lassen ähnliche Form- und Kompositionsprinzipien erkennen. Diesen maskenhaft schmalen Physiognomien der sogennanten Wudus – auch dies ein Kunstwort – fehlt jedoch jeweils ein Sinn; so offenbaren sie entweder nur Augen- oder Mundpartie. Gekrönt von einem aufcollagierten Kopfschmuck -Hörnern, Fühlern, und geometrischen Symbolen gleich, wird man an afrikanische Fruchtbarkeitsmasken erinnert. Cholud Kassems Werk wurde nicht selten mit der außereuropäischen Kunst Afrikas oder Ozeaniens verglichen. Doch vielmehr als durch kulturelle und künstlerische Vorbilder, mit denen sie durchaus kokettiert, ist sie geprägt durch Rituale und den eigenen kulturunabhängigen Glauben an Symbole und Phänomene.
Choluds zentrales Thema sind Schutz- und Abwehrstrategien im Umgang mit ureigenen Ängsten. Ihr Atelierraum, der bereichert ist mit Gegenständen, die allesamt von besonderer Bedeutung und Inspiration für die Künstlerin sind, gleicht einem aufgeladenen Schutzraum. Darin erschafft sie in rituellen Malprozessen ihre Bilder, die über einen langen Zeitraum entstehen. Häufig arbeitet sie zeitgleich an mehreren Werken und immer seriell. So wichtig wie das fertige Kunstwerk ist dabei der intuitiv -meditative Prozess seiner Entstehung.
Choluds Werk ist ein aus sich selbst heraus entstehender Symbolkosmos. Den darin wiederkehrenden Motiven und Gegenstände werden Schutzfunktionen zugeschrieben, die nicht erst durch die jeweiligen Titel lesbar werden. Die zu betrachtenden Masken, Tarnhelme, Gewänder und Amulette sind als Unheil abwehrende Gegenstände, sogenannte Apotropäen zu deuten, die das Böse bannen.
»Es sei denn, was außen ist« so der poetische Titel (Zitat aus Sure 24 des Korans) einer Serie aus den Jahren 2012-2014. Hierzu gehören die mit Ornamentwerk reich geschmückten Kleider in diesem und dem angrenzenden Zimmer. Auffallend ist die Verwendung von Silber- und Goldfarbe, die die Festlichkeit der Umhänge untermalt.
In dieser Serie wendet sich Cholud westlichen Schutzstrategien zu und referiert auf liturgische Kirchengewänder oder die Umhänge gotischer Schutzmantelmadonnen. Religion und Glaube sind die wohl universellsten Schutzstrategien des Menschen.
Die allerneuesten Arbeiten: die Schutz- und Tarnhelme sehen sie im Eingangsbereich und in dem Raum links des Eingangs:
Eine Haube mit gepardenartigem Muster, eine Hut-oder Mützenform in tiefem Blau, gekrönt von einem dunklem Auge auf hellblauem Grund. Eine gefasste Nazar Perle oder auch Fatimas Auge genannt, die in orientalischen Ländern universell schützend als wirksamste Abwehrmaßnahme gegen den bösen Blick gilt. Von ihr empfangen wurden sie bereits im Eingangsbereich.
Diesen Bildern ist der Prozess ihrer Entstehung deutlich abzulesen. So sind materielle Verdichtungen und übereinander gelegten Farbschichten zu sehen. Der für Choluds Werke so charakteristische weiße Grund, entsteht durch ein Umschließen der Form nach dem Auftragen, Abnehmen und Verwischen der Farbe. Die über das zentrale Motiv hinausreichenden Pinselspuren des Malprozesses, werden mit einer weißen Schicht überzogen. Fast, als würde man einen wertvollen Gegenstand nach Gebrauch in eine pastose Flüssigkeit sinken lassen, darin einbetten.
Immer wieder neu modelliert Cholud Kassem ihren kennzeichnenden archaischen Formenkanon, den sie zu ikonischen Symbolträgern gestaltet und ineinander wachsen lässt. Formale Ähnlichkeiten zwischen den Werkgruppen sind offensichtlich und gewollt. Die Werkserien sind Versatzstücke einer komponierten, semiotischen Bildwelt.
Emblematische Kompositionen, die durch ihre Prägnanz bestechen und viel Raum für eigene Assoziationen zu persönlichen Symbolbildern aufmachen, die unsere jeweilige Seherfahrung und kulturelle Prägung in uns angelegt haben.
Eindringlich ist der Begriff, der mir als erstes in den Sinn kam. Eindringlich und besonders. Bei unserem Gespräch im Atelier meinte Cholud:
»Caro, kennst du eigentlich meine Arbeiten?«
In all den Jahren unserer Bekanntschaft verbinde ich mit Cholud ein wahres Signalbild, das mir stark in Erinnerung ist: das Plakatmotiv der Studio-Ausstellung im Heidelberger Kunstverein- ein Acrylbild aus der Serie der Schutzlinge, ein nach unten spitz zulaufendes rotes Schild auf weißem Grund mit gelbgoldenen Spitzen am oberen Bildrand.
Vermutlich geht es Ihnen genauso, Choluds Bilder vergisst man nicht. Ihr charakteristisches Werk ist in seiner Prägnanz, in seiner Formensprache eigenständig und unverwechselbar.
Ihre Werke üben eine starke Anziehungskraft aus, sind Objekte von einer geheimnisvollen Aura.
Ich bin überzeugt, dass die Strahlkraft ihrer Werke heute Abend auch Sie erreicht und dabei noch der Hinweis, dass all die ausgestellten Arbeiten heute auch käuflich zu erwerben sind.
Der Begriff der Aura ist unumstößlich mit der Fotografie verbunden. So möchte ich an dieser Stelle mit einer Empfehlung einer Fotografieausstellung enden. Hans Vincke hatte bereits auf die Ausstellung im Kunstverein Ludwigshafen hingewiesen.
In der Ausstellung Global Players – ein Ausstellungssegment der Biennale für aktuelle Fotografiehat Kerstin Meincke eine beeindruckende Präsentation von Einwanderungsgeschichten kuratiert. Darunter auch Familienfotos der Familie Kassem, die einen bereichernden Einblick in Choluds Biografie vermitteln …
© Carolin Ellwanger, 2017
Ästhetische Ängste
Begleittext von Dr. Dietmar Schuth (Künstlerischer Leiter des Kunstvereins Schwetzingen und Worms) zum Katalog der Ausstellung
Als Adam und Eva im Paradies lebten, waren sie unschuldig und nackt. Sie brauchten keine Kleider, weil wohl ein ewiger Frühling herrschte. Ihre hübsch braun gebrannte Haut reichte als natürlicher Schutz vor Sonne, Regen und der nächtlichen Kühle vollständig aus. Die vier Paradiesflüsse schenkten ihnen das lebensnotwendige Wasser, und die Bäume trugen stets reife Früchte, die sie ernähren. Für alles war gesorgt wie in einem Fünfsterneresort all inclusive.
Doch dieser müßige und aus heutiger Sicht vielleicht auch etwas langweilige Traumurlaub der frühen Menschheit währte nur kurz. Wir alle kennen die so folgenreiche Geschichte. Seit dem Sündenfall mussten die Menschen sich kleiden, um sich vor einer nunmehr unwirtlichen Natur zu schützen. Überall lauerten Gefahren, woraus die ersten Ängste geboren wurden. Kummer und Sorgen entstanden aus Angst um die eigene Existenz, weil man sich nun auch um alle Nahrung kümmern musste. Man brauchte Waffen um zu Jagen und Werkzeuge um den Boden zu bestellen. Er und sie mussten und durften nun spinnen, weben, schneidern, töpfern, malen, schnitzen oder schmieden. So oder so ähnlich hat die menschliche Kultur wohl ihren Anfang genommen.
Vielleicht liegt die irakische Heimat der Künstlerin Cholud Kassem nicht weit von jenem mythischen Ort zwischen Euphrat und Tigris, den unsere biblischen Vorfahren als Paradies phantasieren. Ihre archaisch anmutende Bildwelt kann den Betrachter auf einen ersten Blick durchaus in eine orientalische Welt entführen. Ein formalästhetischer Vergleich mit archäologischen Funden aus Mesopotamien bietet sich an wie auch eine gewisse Verwandtschaft zu der noch heute lebendigen Kunst der Tuareg in der Sahara. Man sieht in den Bildern der Cholud Kassem rätselhafte Kleider, Helme und Schmuckketten wie auch Waffen, Werkzeuge und Geräte, die alle schon vor vielen Tausend Jahren erschaffen worden sein könnten. Vielleicht haben schon Adam und Eva nach ihrer Vertreibung ähnliche Dinge getragen.
Cholud Kassem lebt seit ihrer frühen Kindheit in Deutschland, wurde christlich erzogen und ist nur indirekt an der Archäologie oder Ethnologie des Orients interessiert. Sie lebt wie wir alle im 3. Jahrtausend nach und nicht vor Christi Geburt. Und trotzdem evozieren ihre Acrylbilder eine versunkene Welt. Diese mag freilich nicht irgendwo und irgendwann von Wüstensand begraben sein. Ihre Welt erscheint in uns selbst verborgen, wie in Traumbildern tritt sie hervor und erinnert uns an urtümliche Prägungen, die ein kollektives Unterbewusstsein vor Jahrtausenden erfahren haben mag. Die Anthropologie kennt die sehr glaubwürdige Theorie, dass sich in der individuellen Ontogenese eines Menschen die stammesgeschichtliche Phylogenese wiederholt. Wenn die Künstlerin also eine Waffe oder ein Kleid kreiert, erscheinen diese Objekte nicht nur als individuelle Kreation, sondern mehr als Urbilder einer Waffe, eines Kleides, wie sie bereits unsere Vorfahren als Muster angelegt haben könnten.
Um das besser zu verstehen, ist es sinnvoll, die Genese dieser archetypischen Bildwelt der Cholud Kassem in den letzten Jahren kurz zu skizzieren. Am Anfang eines jeden Bildes steht für sie seit vielen Jahren zunächst ein Papier, auf dem sie ihre Farben in Lasuren aufträgt. Ohne vorgefasste Bildideen bilden sich während des Malens erste Formideen heraus, die jedoch ständig verändert und oft wieder weggekratzt werden. Dabei muss das empfindliche Papier so manches erleiden, wird zu einer schrundigen Haut und stark vernarbten Oberfläche, die einen komplizierten Formfindungsprozess wiederspiegelt.
Die Form entsteht also immer in einem meditativen Arbeitsprozess, der sich intuitiv und fast instinktiv einem unbewussten Formenschatz öffnet. Anfangs formierte sich die Farbe zu geometrischen Motiven, die man als abstrakte Symbole oder magische Zeichen mit kraftvollen Farb- und Formkontrasten erkennen konnte. Doch allmählich entwickelte die Künstlerin eine immer konkretere Bildsprache. Ihre Formen wurden figürlicher und ließen sich gegenständlich deuten. So zeigt ihre älteste Serie mit dem Titel »Schutzlinge« jenen Übergang vom geometrischen Symbol zum handfesten Objekt. Dabei dominieren apotropäisch anmutende Formen, die in ihrer Funktion zwar rätselhaft bleiben und dennoch an reale Schutzhelme oder Schutzschilde erinnern. Und das ist sehr bemerkenswert: Die kreative Versenkung der Künstlerin in eine unbewusste Welt trifft dort vor allem auf verborgene Ängste und Gefahren, die sie ästhetisch zu bannen versucht. Und diese elementaren Ängste sind den Menschen seit Jahrtausenden einverleibt und mögen – um im anfänglichen Bilde zu bleiben – schon Eva berührt haben, als sie merkte, dass die Welt da draußen eine gefahrvolle ist.
Adam hingegen hätte sich womöglich mehr für andere Serien der Cholud Kassem interessiert, wie die »Pfeile« und die »Fühler und Geweihe«. Auch hier deuten sich archaische Ängste an, doch verlässt die Künstlerin ihre defensive Einstellung und erfindet offensive Artefakte, die sich bei den „Pfeilen“ als primitive, doch sehr wirksame Waffen offenbaren. Andere Pfeile erinnern an erste Metallobjekte, an Kämme, Bürsten oder frühe landwirtschaftliche Geräte, mit denen die Frauen zumeist Textilien herstellten. In der Serie »Fühler und Geweihe« finden sich ebenfalls scharfe Waffen, aber auch sensiblere »Geräte«, die einen etwas intelligenteren Umgang des Menschen mit seiner Umwelt offenbaren.
Seit 2004 kombiniert Cholud Kassem ihre fortifikatorischen Motive mit ovoiden Formen, die man als Gesichter ansprechen kann. Sie heißen »Wudus« und kokettieren mit dem animistischen Aberglauben der Afrikaner (in der Karibik). Diesen emblematisch stilisierten Köpfen fehlen die Nasen und Ohren. Sie zeigen entweder nur eine Augen- oder nur eine Mundpartie. Hinzu kommt jeweils eine Art Kopfschmuck. So erscheinen die Wudus wie Masken, die erneut an prähistorische Vorbilder erinnern. Der Überlebenskampf des Menschen scheint hier neue Waffen erfunden zu haben, die nicht mehr rein physikalisch funktionieren, sondern eine metaphysische Kraft herauf beschwören. Mit dieser Magie lässt sich kämpfen, doch nicht alle Masken der Cholud Kassem sind böse. Manche wirken ausgesprochen freundlich, lustig gar und zeigen ganz andere Strategien an, Ängste zu besiegen.
In den neueren Serien seit etwa 2007 entwickelt Cholud Kassem nochmal neue Schutzstrategien und springt auch in der Evolution einen großen Schritt voran. Die prähistorisch anmutende Archaik scheint überwunden, und die Assoziationen des Betrachters finden sich unversehens in einem abend- wie morgenländischen Mittelalter wieder. Ein Bild aus der Serie »Dem Himmel sei Dank« zeigt zum Beispiel eine schöne blaue Kreisformation, die man als eine Türkiskette deuten könnte mit ungeschliffenen, fast rohen Steinen, wie sie in Gräbern aus dem 1. Jahrtausend nach Christus üblich waren. Ein anderes, rotes Schmuckstück, eine Art Diadem, aus dieser Serie erinnert an den Granatschmuck der Völkerwanderungszeit. Doch dieser Schmuck ist mehr als nur Zierde, der Titel deutet an, dass diese Ketten womöglich eine kultische Funktion besessen haben könnten. Insbesondere die Edelsteine galten den Menschen einst als magische Objekte mit innerem Feuer, das sie zu spirituellen Symbolen machte.
In der neusten Serie (seit 2010) mit dem kryptischen Titel »… es sei denn, was außen ist« entwickelt Cholud Kassem diesen spirituellen Aspekt weiter und wendet sich sogar religiösen Strategien zu, die dem physischen wie psychischen Schutzbedürfnis des Menschen dienen. Es sind textile Schutzkleider und Mäntel, die an liturgische Kirchengewänder wie auch an das gotische Sujet der Schutzmantelmadonna denken lassen. Und wiederum ist die Künstlerin um einige Jahrhunderte vorausgesprungen und erfindet Motive, die auch im 19. oder 20. Jahrhundert nach Christus angesiedelt sein könnten. So tragen einige ihrer Kleider einen ganz biedermeierlichen Blumenschmuck, erinnern an Volkstrachten oder katholische Taufkleidchen. Aber auch islamische Traditionen wie die der Burka lassen sich assoziieren. Die Ontogenese hat die Phylogenese eingeholt, die Bildwelt der Cholud Kassem vollendet sich in der Biografie der Künstlerin, die endlich ganz bei sich angekommen scheint.
© Dr. Dietmar Schuth, Kunstverein Schwetzingen
Gute und böse Geister
Kontinuität und Wandel in den neuen Arbeiten von Cholud Kassem
Von Hans Gercke (2008)
Es ist spannend, über eine Spanne von Jahren oder gar Jahrzehnten hinweg die Arbeit eines Künstlers oder einer Künstlerin zu verfolgen und dabei das Spannungsfeld zu beobachten, das sich, individuell jeweils sehr verschieden, zwischen Kontinuität und Wandel auftut. Je nach Künstler lassen sich da recht unterschiedliche Beobachtungen anstellen: Es kann sein, dass Brüche und unter Umständen abrupte Wendungen das Bild der Entwicklung bestimmen, oder aber, umgekehrt, eine fast statisch anmutende Beharrlichkeit, ein Insistieren auf bestimmten, einmal gefundenen inhaltlichen und formalen Fragestellungen.
Weder das eine noch das andere sagt an sich schon etwas aus über die künstlerische Qualität. Denn Brüche und Wendungen einerseits können Indiz sein für ein noch unausgereiftes Tasten und Suchen, für ein häufig vorschnelles – oder verspätetes – Aufspringen auf fahrende Züge oder aber, positiv, für ein systematisches Erproben ganz unterschiedlicher Möglichkeiten, die entgegen dem ersten Augenschein jenseits der Kulissen unterschiedlicher formaler, technischer und medialer Ausdrucksweisen durchaus auf einen gemeinsamen Nenner, eine persönliche und unverwechselbare Basis oder »Handschrift« verweisen.
Beharren andererseits kann Zeichen von Routine und Einfallslosigkeit sein, aber auch Indiz für ein nicht minder systematisches Ausloten von Nuancen, dessen angemessene Beurteilung seitens des Kritikers oder Rezipienten allerdings einer sorgfältigen und differenzierenden Betrachtung bedarf. Jenseits des oft irreführenden ersten Augenscheins ergeben sich häufig aufgrund minimaler Veränderungen grundlegende, keineswegs nur graduelle Verschiedenheiten, wie dies der Künstler, Kunsthistoriker und Kunstpädagoge Manfred Kästner im Blick auf seine einstige Schülerin Cholud Kassem treffend charakterisiert hat: »Zuerst der Eindruck, dass alles irgendwie gleich sei, aber ganz schnell gewinnen wir einen völlig anderen Eindruck – wir lesen uns in diese Bilder ein, setzen uns diesem Sog nicht nur aus, sondern lassen uns hineinziehen.« Und er beschreibt, was man sieht und dabei fühlt und hört – hier lediglich auszugs- und andeutungsweise zitiert: »Schlangenaugen, Mantelmännchen, eine Haube und kleine scharfblickende Augen, Grill auf hohen Füßen, Heidukenmütze und das Handtuch über Opferschale, neben einem wehrhaften Schild der Wagen mit dem Helden Echnaton, umso stiller der Wächter, ach, diese Kältevögel, deren Schwingen den Raum mit lautem Klirren füllen …«
Was die eingangs erwähnten Positionen betrifft, so ist für das Schaffen von Cholud Kassem eine bemerkenswerte Balance zwischen beiden charakteristisch. Man wird auch bei den neuesten Arbeiten unschwer die »Handschrift« der Künstlerin entdecken, und doch sind sie nicht nur partiell, sondern grundsätzlich von den älteren verschieden. Cholud Kassem arbeitet in Reihen, innerhalb derer sie ein Thema auf mannigfaltige, an musikalische Variationen erinnernde Weise abwandelt, dabei jedoch sorgsam darauf achtet, dieses Verfahren nicht zur routinierten Serienproduktion degenerieren zu lassen. Entscheidendes Kriterium für sie ist, wie lang der eingeschlagene Weg gangbar bleibt für immer neue Ideen, und ob sich die neu hinzu gekommenen Varianten innerhalb der Bilderfamilie behaupten können, ob sie, bei unverkennbarer Familienzugehörigkeit, eine eigenständige Position zu besetzen in der Lage sind und so dann auch als vollgültiges Mitglied in den Kreis der »Familie« aufgenommen werden.
Dies ist ganz wörtlich zu verstehen: Immer wieder versammelt die Künstlerin ihre »Kinder« um sich – sofern diese nicht bereits das Haus verlassen haben – und »examiniert« sie, vergleicht, verändert, überarbeitet. Oft dauert es Monate, bis ein Bild vollendet ist – dann aber definitiv –, und oft kommt etwas ganz anderes dabei heraus als das, was zu Beginn intendiert war oder sich zunächst abzuzeichnen begann. Das heißt: Mindestens ebenso wichtig wie das Resultat ist der Prozess. Der Weg ist das Ziel, ist zumindest dessen wesentlicher Teil, Bestandteil der Formwerdung und des Inhaltes. Denn beides, Inhalt und Form, stehen im Werk der Künstlerin von Anfang an gleichberechtigt nebeneinander.
Zwar scheinen die frühen Arbeiten zunächst ganz abstrakt – besser: konkret, als Bildereignis autonom – zu sein, ausschließlich der Logik des Zusammenspiels von Farbe und Form verpflichtet. Aber bereits damals gab es immer wieder auch Verweise auf außerkünstlerische Realität, auf Erinnerungen, gab es Assoziationsmöglichkeiten, und gelegentlich greift die Künstlerin solche in der Titelgebung auf, freilich ohne je in den Bereich der Illustration abzugleiten. Insofern gibt es auch immer mindestens zwei Möglichkeiten, sich diesen Bildern zu nähern: Über das reine Erleben und vielleicht auch Analysieren der formalen Struktur oder über den Weg der assoziativen Verknüpfungen. Wobei anzumerken ist, dass das eine das andere nicht ausschließen muss und dass sich gegenüber den frühen Bildern in den letzten Jahren das gegenständliche, das figurative Potential sukzessive verstärkt hat
Die Künstlerin selbst beschreibt ihre Arbeitsweise wie folgt: »Meine Bilder lassen sich aus ihrem Entstehungsprozess heraus erklären: Malmeditationen, die meist in Serie entstehen. […] Ich beginne zu malen, ohne dass eine Bildidee existiert. Oft sind es einfache Farbflächen, die ich über- und aneinander setze, geleitet von meinen inneren Malimpulsen. In der Anfangsphase stehen Material, Farbe und Oberflächenstruktur im Vordergrund, dabei – immer wieder innehaltend – ist das Malen kein geplanter Vorgang. Oft male ich an mehreren Bildern gleichzeitig; muss ein Bild trocknen, setze ich die Arbeit an einem anderen fort.
Ich collagiere mit Transparentpapier und male mit unterschiedlichen Farbmaterialien: Wachsmalkreide, Kohle- oder Bleistift, wässrigen oder pastosen Acrylfarben. Farbflächen werden gesetzt, fast trockene Farben abgewaschen oder abgekratzt, so dass neue Strukturen entstehen. Diese Vorgehensweise bedingt einen langwierigen Malprozess, der es mir ermöglicht, aus dem aktuellen Bild weitere Formen zu entwickeln: Rätselhafte Form-Zeichen für eine mehrdeutige Interpretation der meist titellosen Bilder. Für das Ganze nicht mehr wesentliche Bildfragmente übermale ich am Ende mit Weiß«.
Die Kunst Cholud Kassems hat nicht nur eine horizontale – das Prinzip der Reihe und des Variierens –, sondern auch eine gleichsam vertikale, in die Tiefe lotende Dimension: Der Arbeitsprozess als Zeitverlauf, als Analogie zu den Naturprozessen von Sedimentation und Erosion, als Synonym für »Geschichte« im wörtlichen Sinn, macht den Bildträger nicht nur zur Bühne des Bildgeschehens, sondern zu einem genuinen Material der Gestaltung, das gleichermaßen formale wie inhaltliche Perspektiven eröffnet. So gewinnen Cholud Kassems palimpsestartige Arbeiten eine plastische Dimension, aus Collage entsteht Malerei, aus dem Chaos der Erinnerung die Ordnung der Bildgegenwart.
All dies betrifft ganz generell das Gemeinsame, die Kontinuität, die Machart, und es trifft auch auf die älteren Arbeiten der Künstlerin zu. Die neueren Werke, vorwiegend Arbeiten nicht lediglich »auf«, sondern »aus« Papier – sind schlanker und fragiler geworden, leichter und transparenter, vielleicht auch freier und aggressiver, doch dies auf heitere, selbstbewusst spielerische, mitunter ironische Art, jedenfalls von völlig anderer Mentalität als die statisch und defensiv gestimmten »Schutzlinge«, die ja keineswegs »Schützlinge« waren, sondern, wie das von der Künstlerin geschaffene Kunstwort andeutet, eher deren Gegenteil: Waffen- und wappenartige Wesen und Gerätschaften, deren Gestalt etwas mit Schild und Helm zu tun hat, mit Visier, Totem und Maske. Sie haben der Künstlerin selbst, wie sie sagt, in schwieriger Zeit Halt und Schutz gegeben.
Ihnen also folgt die Serie der »Pfeile«. Im eleganten, an japanische Kakemonos erinnernden Hochformat lassen die in symmetrischer Schönheit aufragenden schwebenden Gebilde eher an Hoheitszeichen, an Szepter und andere zeremonielle Gerätschaften als an martialische Mordinstrumente denken. Sie verweisen nicht auf die Notwendigkeit des Angriffs, sondern eher auf die Souveränität neuerworbener Sicherheit. Ein anthropomorpher Bezug ist ihnen allemal eingeschrieben, in den »Kleinen Soldaten« mit ihren Füßchen und Gliedmaßen konkretisiert er sich nicht ohne Witz.
In der neuen Serie der »Köpfe« schließt sich der Bogen zu den »Schutzlingen«. Deutlicher als je zuvor im Schaffen der Künstlerin kommt hier der Bezug zum Menschen, um den es in allen diesen Arbeiten ging, zum Tragen. Die Köpfe zeigen sich selbstbewusst, eitel, mit seltsamem Kopfschmuck, mit Hörnern, Geweihen, Federbüschen, bizarren Hüten, Kronen und Mützen, mit Haut und Haaren, Augen oder Mündern. Letzteres allerdings nur »oder«, nicht »und«, denn nie gesteht die Künstlerin ihren Kreaturen beide Sinne zu. Der Betrachter fühlt sich an Prähistorisches erinnert, an Fruchtbarkeitsidole, an mundlose kykladische Figuren und feierlich distanzierte Nô-Masken, vielleicht aber auch, ganz im Gegenteil, nicht an Vergangenheit, sondern mindestens ebenso an eine imaginäre Zukunft, an Science Fiction, an Aliens, an interstellare, extraterrestrische Wesen, an zeitlos Archetypisches, Elementares, Märchen- und Mythenhaftes, Phantastisches, an Traum- und Albtraumgeborenes.
Mit den »Pfeilen« haben die »Köpfe« die fragile Eleganz und Transparenz gemein – wollte man einen Vergleich aus der Zoologie bemühen, so ähneln die »Schutzlinge« eher an kafkaeske Käfer, die »Pfeile« und »Köpfe« hingegen an zarte, elfenhafte Insekten. Zauber ist im Spiel, und so nennen sie sich denn auch »Wudus«, allerdings nicht mit doppeltem »o«, sondern zweimal mit einfachem »u« geschrieben. Wieder haben wir es also mit einem Kunstwort zu tun, wobei natürlich die Assoziation zu den karibischen Kulten bewusst und gewollt ist.
Dietmar Schuth hat die neue Werkgruppe 2007 erstmals im Wormser Kunstverein, in den ehrwürdigen Räumen des ehemaligen Andreasstiftes, vorgestellt und in einer bemerkenswerten Installation frei im Raum hängend präsentiert. Im Katalog der Ausstellung »Zeitfenster« der 19. Kreiskulturwoche des Rhein-Neckar-Kreises, deren Thema die Gegenüberstellung älterer und neuer Arbeiten verschiedener Künstler war und gerade im Blick auf das Cholud Kassem ein aufschlussreiches Vergleichen ermöglichte, hat er die angesprochene Entwicklung wie folgt charakterisiert:
»Es handelt sich […] um eine Weiterentwicklung der »Schutzlinge«, die nicht mehr nur abstrakt-geometrisch erscheinen, sondern einen figurativen Formenschatz erschließen. Lange hat die Künstlerin diesen durchaus kühnen Schritt überdacht und vorbereitet. Ein Neuland wurde betreten und ein neues Reich der Imagination, das ungeahnte Wege erschließt. Und dennoch bleibt sich die Künstlerin treu, ihre »Schutzlinge« sind lediglich lebendiger geworden, haben Köpfe bekommen, Augen oder einen Mund und sprechen und schauen damit den Betrachter unverwandt an. […] Gesicht und Kopfzier zusammen imaginieren eine archaische Ikone, in der man ein Spiegelbild der Künstlerin und ihrer verschiedenen Wesensarten erkennen mag. Darüber hinaus sind es Gesichter, die in uns allen als Archetyp verborgen sind, in denen wir die Häuptlinge und Schamanen unserer steinzeitlichen Vorfahren erkennen können, die Götzen und Götter, die unsere Ahnen einmal verehrt haben oder die Bilder unserer frühen Kindheit, die guten wie die bösen Geister, die eine Fantasie im Traum wie auch in Wirklichkeit beschleichen können«.
© Hans Gercke, Heidelberg, im August 2008
Wudus
Einzelausstellung von Cholud Kassem im Kunstverein Worms, 2007
Rede von Dr. Dietmar Schuth (Künstlerischer Leiter des Kunstvereins Worms und Schwetzingen) anlässlich der Ausstellungseröffnung im Kunstverein Worms
Die in Bagdad geborene und in Deutschland aufgewachsene Künstlerin Cholud Kassem präsentiert ihre geheimnisvolle Kunst der magischen Köpfe und Pfeile in den Räumen der spätromanischen Andreaskirche. War sie vor ein paar Jahren noch mit ihren abstrakteren »Schutzlingen« unter anderem im Heidelberger Kunstverein zu sehen, hat sie in ihren neueren Arbeiten den Schritt zur Figuration gewagt.
In Opposition zum Hochaltar liegt das Zentrum einer zur Rauminstallation gesteigerten Schau im Westen der Kirche. Hier schweben 72 »Wudus« transparent von der Decke herab. Wudus, das sind auf Papier collagierte Köpfe, Masken und figurative Chiffren, die an archaische Kulturen und animistische Religionen (wie den Voodo-Kult der Karibik) erinnern lassen.
Der Vergleich mit der traditionellen Kunst Afrikas oder Ozeaniens drängt sich auf, doch spielt Kassem auch mit interkulturellen und sehr neuzeitlichen Motiven, mit den Puppen der Kindheit, mit phantastischen Aliens und anderen augenzwinkernde Assoziationen. Wichtig ist der individuelle Charakter jedes Kopfes, der freundliche oder aggressive, der naive oder bedrohliche Gesichtausdruck, der ohne Augen oder ohne Mund formuliert ist. Alle Köpfe sind durch einen rätselhaften Kopfschmuck akzentuiert, der dem Gesicht zusätzlich Charakter verleiht. Alle zusammen spiegeln diese Köpfe die Vielfalt phantasiegeborener Physiognomien, die gleichzeitig Spiegelbilder innerer Befindlichkeiten der Künstlerin sind und des Betrachters werden können.
Im Dialog mit den Köpfen zeigt Cholud Kassem auf acht großen auf das Westwerk zuführenden Tischen ihre Serie von 72 »Pfeilen«. Das sind Linien mit doppelten Spitzen, die Aggression und Schutzbedürfnis gleichermaßen abstrahieren, als Waffen und Trophäen oder als Schmuck oder Zauberstäbe assoziiert werden können und zusammen mit den Köpfen den Kirchenraum in eine rituelle Sphäre verwandeln.
© Dr. Dietmar Schuth
Pfeile – Arbeiten auf Papier
Einzelausstellung von Cholud Kassem in der Galerie Veronica Kautsch in Michelstadt. 2003
Dr. Roland Held
anlässlich der Ausstellungseröffnung Pfeile von Cholud Kassem, 2. November 2003, Galerie Veronica Kautsch in Michelstadt
Sich durch diese Ausstellung zu bewegen hat etwas von einem Gang durch eine museale oder wissenschaftliche Sammlung, deren genauere Natur, meine sehr verehrten Damen und Herren, es erst noch zu definieren gilt. Dicht gereiht, ohne je aus der Vertikalausrichtung auszubrechen, sind die »Pfeile«, unterschiedlich lang und doch an einer gemeinsamen mittleren Höhe orientiert. Überhaupt eine treffliche Veranschaulichung des Prinzips von der Einheit in der Vielfalt und der Vielfalt in der Einheit: denn im einzelnen ähneln sie weniger Pfeilen als Gabeln, Löffeln, Propellern, Kerzenleuchtern, Lotleinen, Pendeln, Kämmen, Zigarren, Kompaßnadeln, kleinen Transmissionsanlagen.
Man denkt beim Anblick der überwiegend filigranen, stets zweiendigen – sozusagen janusköpfigen – Gebilde weniger an Kunst – als an Gebrauchsobjekte. »Artefakte« heißt das schöne Wort, das in den prähistorischen und völkerkundlichen Trakten der Museen immer dann auftaucht, wenn die Funktion eines Gegenstands ungeklärt ist. »Artefakt«, mit Kunst (im Sinne von Kunstfertigkeit) vom Menschen gemacht. Was die rahmenlose Präsentation hinter einer Glasscheibe, objekt-trägerhaft oder im Sinne einer umlaufenden Wandvitrine, noch unterstreicht. Ha!, wird jetzt Herr Schlaumeier ausrufen, es handelt sich doch gar nicht um Objekte, sondern bloß um Abbildungen von solchen. Aber wenn man die Machart der Pfeile näher betrachtet, angeschwollen von Schichten Bemalung ebenso wie beklebten Papiers, dann wird man da nicht mehr so sicher sein.
Auch wenn die größeren Formate die Thematik erweitern, löst das das Rätsel nicht. Die Rückversicherung des Rahmens wird uns nur ausnahmsweise zuteil. Wie Fahnen hängen die Kartons an Klammern, frei, so dass sich ihre Machart studieren läßt: das knittrige, angegilbte Transparentpapier, das dem Träger aufsitzt, wieder oft mehrfach übereinander; die Acrylfarbe, hier in wässerigen Flächen ausgebreitet, dort in pastosen Flächen, welche partiell wieder ausgewaschen oder ausgekratzt sind, um verlorene Schichten neu freizulegen. Alles von ungemein stofflicher Anmutung. Anderswo sieht man, weil Überdecktes durchschimmert, dass die bildbeherrschenden Formen, auffällig zentral und wie in Schwebe positioniert, irgendwann einmal weiter ausgreifend waren. Es scheint, als bewahre jedes Bild so seine Entstehungsphasen und Vorversionen.
Was aber hat es nun auf sich mit dem, was ins Auge springt? In ihrer achsensymmetrischen Organisation transportieren besagte Formen auch ohne direkte Wiedererkennbarkeit etwas Vertrautes – denn achsensymmetrisch organisiert sind wir selbst, ist der Bau unseres eigenen Körpers. Und schon gerät im Kopf des Betrachters, ob er will oder nicht, die Assoziationslokomotive ins Rollen. Ihr angehängt sind Waggons, deren Namen in immer schnellerer Folge vorübersausen: ein Gewand, eine Maske, ein Harnisch, ein Schild, eine Votivgabe, eine Krone, ein Kopfschmuck. Oder, noch spezifischer: ein aztekischer Federmantel, eine afrikanische Hörnermaske, ein japanischer Samurai-Panzer, eine mittelalterliche Bischofsmitra.
Ehe wir uns versehen, ist Herr Schlaumeier schon auf den fahrenden Zug aufgesprungen und fordert uns auf, desgleichen zu tun, mit dem Ruf: Hab ich mir gleich gedacht: Ethno-Kunst! Sieht nicht die Künstlerin selber aus, als wäre sie angereist aus einem fernen Land? Da wird sie nicht nur ihr eigenes Erbe, sondern das der restlichen Weltkulturen gleich mit ins Gepäck genommen haben…. Jetzt aber, meine Damen und Herren, wird es höchste Zeit, daß wir die Eisenbahnampel auf Rot stellen. Zwar stimmt es, daß Cholud Kassem 1956 im Irak geboren wurde, genauer gesagt, in Bagdad. Nach Deutschland gekommen aber ist sie schon im Alter von zweieinhalb, zu jung, als dass sie ausgefeilte bildhafte Eindrücke von dort mitgebracht haben könnte. Zumal sie biographisch bedingt eine sehr deutsche Sozialisation erfuhr und jahrzehntelang von dem irakischen Teil ihrer Identität nichts wissen wollte. Im Gespräch, das ich mit ihr während des Ausstellungsaufbaus hatte, gewann ich den Eindruck, dass sie sich diesem Aspekt ihrer selbst nur sehr behutsam, ja zögerlich zuwendet und mit gewisser Dringlichkeit erst in jüngster Zeit, durcheinandergerüttelt, wie wir alle, von den politischen Ereignissen der letzten Monate.
Kein Bekenntnis zu irgendwelchen Exotismen also von Cholud Kassem. Stattdessen spricht sie von ihren Bildern als von »Malmeditationen«, was natürlich anspielt auf ihre langwierige, von Schichtenauftragen und -abtragen charakterisierte Entstehung, was die Künstlerin damit ausgleicht, dass sie gewöhnlich an mehreren Bildern parallel arbeitet. Aber ich glaube, in dem Begriff »Meditationen« steckt auch etwas von der inneren Haltung ebenso wie von der Erscheinungsweise der Ergebnisse. Denn gleichen diese in ihrer geometrisch angelegten Flächigkeit nicht reduzierten, in sich ruhenden Wappen mehr als Waffen oder sonstigen Realobjekten? Und haben die Pfeile nicht weniger mit Geschossen zu tun als mit der zweiten Bedeutung des Worts Pfeil: nämlich Hinführung, Hinweis, Zeichen? Beiden heute vorgeführten Werkserien kommt man näher, wenn man sie als Systeme von Zeichen betrachtet, entwickelt womöglich aus ein paar wenigen Grundtypen und die dann aufgefächert zu vielen Variationen. Es bedarf angesichts der Präsenz dieser Bilder kaum der Klarstellung, dass solche künstlerische Vorgehensweise nicht zwangsläufig trocken-abstrakt ist. Cholud Kassem betont, dass sie bei ihren Formfindungen für Außeneindrücke durchaus offen ist. Doch bis jetzt hat sie noch jeden Erstentwurf mehrfach übermalt und abgeändert. Gehen wir getrost davon aus, dass es sich um einen Prozess von Verknappung und Verdichtung auf das Wesentliche einer Form handelt. Wesentlich ist sie dann, wenn sie wirkkräftig ist – Bildzeichen wäre demnach identisch mit Kräfte-Konstellation (denn was sind Linien und Farben, Kontrast- und Flächenverhältnisse anders als auf uns wirkende Kräfte?), eine Kräfte-Konstellation, gleichermaßen kräftigend für den Produzenten, Cholud Kassem, wie für den Rezipienten, uns.
Man kann die Formfindungen dieser Bilder archaisch nennen. Nicht jedoch in dem Sinne, dass sie tatsächlich zeitlich und räumlich entlegenen Völkern nachempfunden wären; sie scheinen mir vielmehr ursprünglich, elementar, echt, aus beträchtlicher seelischer Tiefe zutagegefördert, so wie auch die Zeichen eines Paul Klee, eines Willi Baumeister, eines Julius Bissier von archaischer Qualität waren. Ob in diesen seelischen Tiefen darüber hinaus Erinnerungen Platz haben an im Laufe eines halben Lebens beiläufig registrierte Kostüme und anderes Kulturgut – es ist zumindest nicht ausgeschlossen. Entscheidend ist die Umsetzung aller Mosaiksteine zu einem Gesamtbild, das als Form für sich selbst steht und ohne weiteren Kommentar fasziniert. Entscheidend ist, dass das Spiel zwischen dem Formfundus der Künstlerin und dem Formfundus ihres Publikums ungehindert hin und her flutet. Man werte es als Bestätigung, zu hören, dass Kleidung in der Menschheitsgeschichte nie nur leiblicher Schutz und Schamverhüllung war, sondern auch Status und Funktion des Trägers unterstrich. Kleidung war und ist Zeichen. Ähnlich steht es mit bestimmten Gerätschaften – man denke an das Zepter, das die Person des Herrschers vertritt. Kein Wunder, wenn also unter Cholud Kassems Händen Zeichen, man könnte auch sagen: »Buchstaben einer materiellen Schrift« (Dietmar Kamper), ungewollt in die Nähe von Kleidung, in die Nähe von Pfeilen rücken. Eine Ebene mehr in unserer geistigen und sinnlichen Auseinandersetzung mit diesen Bildinhalten, die vielschichtig sind wie ihr zugehöriger Bildkörper. Wir bedürfen solcher rundum offenen, reichen Zeichen in unserer Epoche, in unserer technischen Zivilisation, wo wir in Berufs-, Verkehrs- und Freizeitzusammenhängen rettungslos umzingelt sind von Zeichen, die verarmt und eindimensional geworden sind, verkommen zum bloßen Signal, zum Signet, das nur noch eine Ja- oder Nein-Reaktion zuläßt anstatt einer differenzierten Antwort. Vielleicht sind Cholud Kassems Formfindungen ja doch Waffen und Harnische, nur geistiger Art, um uns gegen just solch phantasietötende Umstände zur Wehr zu setzen …
© Dr. Roland Held, Darmstadt 2003
Vielschichtig und anrührend
Arbeiten von Cholud Kassem im Kunstverein
Artikel im Heidelberger Stadtblatt, Ausgabe Nr. 51. (12/2000)